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Lesbos

Lesbos, eine griechische Insel für Kunst- und Literaturliebhaber

Als Adjektiv ist der Name von Lesbos wegen einer Spielart der Liebe weltbekannt. Auf der touristischen Landkarte aber spielt die Insel Lesbos dicht vor der kleinasiatischen Küste, auf der etwa 90 000 Menschen leben, kaum eine Rolle. Während auf Kreta jährlich über eine halbe Million Deutsche allein per Charterflug landen, sind es auf der griechischen Insel Lesbos in der Nordost-Ägäis gerade einmal siebentausend.

Strand Skala Eressou auf Lesbos

Am kilometerlangen Feinsandstrand von Skala Eressou auf Lesbos haben sich Frauen aus aller Welt einen kleinen Abschnitt erobert, den Männer und heterogene Paare als Tabu-Zone respektieren. Das ist das einzige besondere Zugeständnis, das der Geburtsort Sapphos ihren modernen Jüngerinnen macht. Ein Denkmal hat man der ersten Lyrikerin der Weltliteratur und Dienerin der Liebesgöttin Aphrodite, die mädchenhafte Anmut vor 2600 Jahren so zart wie keine andere besang, hier auf Lesbos trotz ihrer späten Verdienste um die Tourismusförderung nicht errichtet. Die Büste auf dem Dorfplatz direkt am Meer ist einem anderen berühmten Kind des antiken Städtchens geweiht: dem 371 v.Chr. geborenen Philosophen Theophrast. In seinem Hauptwerk hat er 30 verschiedene menschliche Charaktertypen so prägnant beschrieben, dass sie zum Vorbild für den römischen Komödiendichter Menander und später sogar für Molière wurden. Zu Menander hat Lesbos auch noch eine andere Verbindung: Im Archäologischen Museum der Stadt Mytilini auf Lesbos sind zahlreiche gut erhaltene Mosaike aus der Spätantike zu sehen, die die Hauptfiguren aus den Werken des Römers zeigen.



Der touristische Hauptort der Insel Lesbos ist das sehr fotogene Dorf Molyvos. Der historische Kern des Städtchens, das offiziell wieder wie seine antike Vorgängersiedlung Mythimna genannt wird, zieht sich vom Strand und vom kleinen Fischerhafen einen steilen Hügel empor. Eine schmale, von Weinreben und blühenden Rankgewächsen überspannte Gasse führt zwischen jahrhundertealten Häusern und an einer ehemaligen Moschee vorbei zur genuesischen Festung hinauf, in der manchmal im Sommer noch Theateraufführungen und Konzerte stattfinden. Ihre Mauern hoch über der grünen Küstenebene und der Ägäis sind der ideale Ort, in einem der schönsten Liebesromane der Weltliteratur zu lesen: Daphnis und Chloe. Ein gewisser Longos schrieb ihn vor über 1800 Jahren auf Lesbos und wählte die Landschaft um Molyvos als Szenerie. Ihm gelang eine filigrane erotische Studie, die nichts verschleiert, und dennoch dezent bleibt. Blickt man von den Zeilen auf, versteht man vielleicht, warum Longos diese Kulisse ein „Liebesland“ nannte.

Daphnis und Chloe begegnet der Reisende auf Lesbos auch an anderer Stelle. In einem unscheinbaren, im Ausland nahezu völlig unbekannten Museumsbau inmitten eines alten Olivenhains südlich der Inselhauptstadt hängen die 42 Original-Farblithographien, die Marc Chagall als kongeniale Illustrationen zum Roman für die Reihe der 1943-1969 erschienenen >Livres de peintres< geschaffen hat. Aber nicht nur sie sind ausgestellt, sondern auch zahlreiche Werke anderer berühmter Maler wie Pablo Picasso und  Henri Matisse, Juan Gris, Joan Miró, Fernand Léger und Alberto Giacometti. Das Museum trägt den Namen seines Stifters, Tériade. Der gebürtige Lesbier hatte in Paris als Herausgeber der exklusiven Kunstzeitschrift >Verve< Karriere gemacht und war dann Herausgeber jener Malerbücher, für die er große Maler und bedeutende Dichter zusammen brachte.

Tériade war auch der große Förderer des auf Lesbos geborenen Theophilos, dem wohl bedeutendsten Maler Griechenlands im 20. Jh. Fast neunzig seiner in kein Schema passenden Gemälde hängen in einem schlichten Bauernhaus gleich neben dem Tériade-Museum. Bis zu seiner Entdeckung durch den weltmännischen Landsmann fristete Theophilos ein bescheidenes Leben als wandernder Maler, der in vielen Gegenden Griechenlands Tavernen und Herrenhäuser für freie Kost und Logis mit zumeist historischen Themen ausmalte. Oft genug ließ er sich dafür auch mit einer Karaffe Ouzo bezahlen. Dieser typisch griechische Anisschnaps wird zwar überall im Lande produziert, aber kein anderer Ort in Hellas genießt für seinen Ouzo einen solch guten Ruf wie Plomari im Süden von Lesbos. Vier Destillerien arbeiten hier, alle kann man besichtigen. Das hochgeistige Souvenir, das man von hier mitnimmt, ist ein stimmiger Begleiter zur Lektüre all der von Lesbos stammenden Autoren, von denen einer sogar zum Literatur-Nobelpreisträger geworden ist: Odysseas Elytis im Jahre 1979.

Literatur: Sappho, Strophen und Verse, Insel-Taschenbuch (7 €). Erica Jong, Sappho. Roman, Ullstein (24 €). Marc Chagall/Longos, Daphnis und Chloe, Prestel (98 €, als Taschenbuch 14,95 €)). Odysseas Elytis, To Axion Esti, Elfenbein (18 €).

Autor: Klaus Bötig